Interview mit Jonathan Schenk, Mayer Ingenieure GmbH, Böblingen zum geplanten Retentionsbecken

Auf dem IIGP-Gelände soll ein Retentionsbecken entstehen. Doch was bedeutet das eigentlich – und warum ist es wichtig? Wir haben bei den Experten von Mayer Ingenieure aus Böblingen nachgefragt.

Können Sie uns kurz erklären: Was ist ein Retentionsbecken – und warum brauchen wir das überhaupt?

Schenk: Dazu müssen wir etwas ausholen – Zusammengefasst unter dem Begriff „Entwässerungskonzept“ wurden die Auswirkungen der geplanten Bebauung auf den natürlichen Wasserhaushalt bewertet und durch verschiedene Maßnahmen ein Angleich an den unbebauten Zustand erreicht. Einfach gesagt heißt das – durch die Bebauung sollen sich keine nachteiligen Änderungen des Wasserkreislaufs ergeben.

Die geplante Regenwasser-Behandlungsanlage beinhaltet mehrere Bauwerke (vgl. Skizze). Das auffälligste davon stellt das große Erdbecken im Süden des Gebiets dar. Die große Fläche ist notwendig, um das Wasser zunächst zurückzuhalten (Retention) und kontrolliert reinigen zu können. Streng genommen handelt es sich aber nicht um ein einzelnes Becken, sondern um zwei Beckentypen mit je zwei redundanten Beckenbereichen. Zunächst fließt das vorgereinigte Wasser in einen Retentionsbodenfilter. Hier wird das Wasser durch eine dicke Filterschicht gereinigt und anschließend wieder über Drainagerohre eingesammelt. Erst in dem zweiten Beckentyp, dem Versickerungsbecken, gelangt das Wasser in den Untergrund. Auch hier findet eine erneute Reinigung durch eine Oberbodenschicht statt.

Skizze zum Entwässerungssystem

Welchen Nutzen hat das Becken für die Unternehmen, die sich hier ansiedeln?

Schenk: Durch die umfangreiche Reinigung wird den notwendigen Auflagen des Wasserschutzgebiets Rechnung getragen und somit eine Ansiedlung in dieser Form überhaupt erst ermöglicht. Trotz der unvermeidlichen Belastungen des Niederschlagwassers durch die Ansiedlungen kann damit das Wasser gereinigt und ortsnah wieder in den natürlichen Wasserkreislauf gegeben werden.

Wie genau schützt das Becken den Industriepark und die Umgebung bei starkem Regen?
Was passiert, wenn es noch stärker regnet als geplant?

Schenk: Bei Niederschlag arbeitet die Anlage bis zu einer definierten Aufnahmemenge im Regelbetrieb weiter. Damit kann auch bei Starkregen der erste, meist stark belastete Zufluss – der sogenannte First Flush – gespeichert und gereinigt werden. Bei anhaltenden oder weiter ansteigenden Zuflussmengen werden schrittweise kontrollierte Entlastungen aktiv, die das dann deutlich stärker verdünnte, nachfließende Wasser im Bedarfsfall auch schadlos in Richtung des Trockentals ableiten können.

Können Sie beschreiben, wie das Retentionsbecken später aussieht? Ist das Becken immer mit Wasser gefüllt oder nur bei Regen?

Schenk: Alle Becken sind so ausgelegt, dass nur während des Reinigungsbetriebs Wasser eingestaut wird und je nach Regendauer und -intensität innerhalb von wenigen Stunden wieder komplett abläuft. Ein dauerhafter Wasserstau ist nicht vorgesehen. Der Retentionsbodenfilter wird jedoch aufgrund seiner Schilfbepflanzung feuchter gehalten als das Versickerungsbecken – das ist gewollt und Teil des Reinigungskonzepts.

Welche Auswirkungen hat das Projekt auf die Umwelt? Kann das Becken auch einen Mehrwert für Natur und Tiere bieten?

Schenk: Die Kunst besteht darin, möglichst wenig in natürliche Kreisläufe einzugreifen. Die Anlage kann durchaus einen Mehrwert bieten – gleichzeitig muss jedoch sichergestellt werden, dass keine unkontrollierten ökologischen Veränderungen entstehen. Aus diesem Grund wird die gesamte Anlage auch eingezäunt und mit einem Amphibienschutzzaun versehen. Dieser schützt Tiere – insbesondere Amphibien – davor, in die Becken zu gelangen und dort zu verunglücken. So kann die Anlage ihren technischen Zweck zuverlässig erfüllen, ohne zum ökologischen Risiko zu werden. Die Schilfzonen bilden außerdem wertvolle Sekundärlebensräume für Insekten.

Gibt es etwas, das häufig missverstanden wird?

Schenk: Ein weit verbreitetes Missverständnis betrifft die Rolle der Schilfpflanzen: Oft wird angenommen, dass das Schilf die biologische Reinigung übernimmt. Richtig ist jedoch: Die eigentliche Reinigungsleistung des Retentionsbodenfilters erbringt der unter dem Schilf liegende Sandfilter mit den darin lebenden Bakterien. Das Schilf übernimmt dagegen zwei andere, wichtige Hilfsfunktionen. Es verhindert eine nachteilige Bepflanzung und Verdichtung der Filteroberfläche und es versorgt die Bakterien im Filter über die Wurzelstöcke (Rhizome) mit Sauerstoff. Das Schilf wird übrigens deshalb auch bewusst nicht abgemäht – es ist ein dauerhafter und funktionaler Bestandteil der Anlage.

Vielen Dank für das Interview und die interessanten Einblicke!